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Gedicht des Monats

Gedicht des Monats

Seit vielen Jahren gibt es im Fachbereich Germanistik das “Gedicht des Monats”. Die Redaktion liegt bei Petra Schirrmann und Michael Möbius. Beiträge können an die beiden per E-Mail gesendet werden.

Einige dieser Gedichte wurden im Laufe dere Jahre auch von Michael Möbius vertont für gemischten Chor und Klavier.

O k t o b e r  2 0 1 7

Baum im Herbste

Was habt ihr plumpen Tölpel mich gerüttelt
Als ich in seliger Blindheit stand:
Nie hat ein Schreck grausamer mich geschüttelt
— Mein Traum‚ mein goldner Traum entschwand!

Nashörner ihr mit Elefanten-Rüsseln
Macht man nicht höflich erst: Klopf! Klopf?
Vor Schrecken warf ich euch die Schüsseln
Goldreifer Früchte — an den Kopf.

Friedrich Nietzsche

*

Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844 – 1900), deutscher Philosoph, Essayist, Lyriker und Schriftsteller
Quelle: Nietzsche, Nachgelassene Fragmente. Herbst 1884

 

S e p t e m b e r  2 0 1 7

Herbstgedanken

Da ich die grüne Pracht der Bäume zärtlich liebe
Und folglich mich anjetzt im Herbst bei ihrem Fall,
Bei der Entblätterung der Wipfel überall
Und der Vernichtigung des Laubes recht betrübe,
So deucht mir doch, ob hör ich sie im Fallen
Zu meinem Troste dies mit sanftem Lispeln lallen:
“Du siehest uns von dem geliebten Bau
Nicht, um denselben zu entkleiden,
Noch um ihn nackt und bloß zu lassen, scheiden;
Ach nein, wir machen frisch und schönern Blättern Raum.”

Barthold Heinrich Brockes

*

Barthold Heinrich Brockes (1680-1747) war ein norddeutscher Schriftsteller und Dichter der frühen deutschen Aufklärung.

 

 

A u g u s t  2 0 1 7

Nach dem Regen

Die Vögel zwitschern, die Mücken
Sie tanzen im Sonnenschein,
Tiefgrüne feuchte Reben
Gucken ins Fenster herein.
Die Tauben girren und kosen
Dort auf dem niedern Dach,
Im Garten jagen spielend
Die Buben den Mädeln nach.
Es knistert in den Büschen,
Es zieht durch die helle Luft
Das Klingen fallender Tropfen,
Der Sommerregenduft.

Ada Christen 

*

Ada Christen (1839-1901) war eine österreichische Schriftstellerin.

 

J u l i  2 0 1 7

Sommer

Singe, meine liebe Seele,
Denn der Sommer lacht.
Alle Farben sind voll Feuer,
Alle Welt ist eine Scheuer,
Alle Frucht ist aufgewacht.
Singe, meine liebe Seele,
Denn das Glück ist da.
Zwischen Ähren, welch ein Schreiten!
Flimmernd tanzen alle Weiten,
Gott singt selbst Hallelujah.

Otto Julius Bierbaum

*

Otto Julius Bierbaum (1865-1910) war ein deutscher Journalist, Redakteur, Schriftsteller und Librettist.

 

J u n i  2 0 1 7

Guter Rat

An einem Sommermorgen
Da nimm den Wanderstab,
Es fallen deine Sorgen
Wie Nebel von dir ab.
Des Himmels heitere Bläue
Lacht dir ins Herz hinein,
Und schließt, wie Gottes Treue,
Mit seinem Dach dich ein.
Rings Blüten nur und Triebe
Und Halme von Segen schwer,
Dir ist, als zöge die Liebe
Des Weges nebenher.
So heimisch alles klinget
Als wie im Vaterhaus,
Und über die Lerchen schwinget
Die Seele sich hinaus.

Theodor Fontane 

*

Theodor Fontane (1819-1898) war ein deutscher Schriftsteller. Er gilt als der bedeutendste Vertreter des Realismus.

 

M a i  2 0 1 7

Mai

Der Flieder am Tor
dringt rötlich hervor,
das himmlische Blau
erduftet im Tau.
Noch blendets vom Blühn,
schon rieselt es grün
und flimmert und bebt,
von Licht überschwebt.
O seliger Mai
und morgen vorbei:
ein trunkener Zug,
ein blitzender Flug!

Richard von Schaukal

*

Richard von Schaukal (1874 – 1942), österreichischer Lyriker und Essayist

A p r i l  2 0 1 7

Das Glück

Es huscht das Glück von Tür zu Tür,
Klopft zaghaft an: – wer öffnet mir?
Der Frohe lärmt im frohen Kreis
Und hört nicht, wie es klopft so leis.
Der Trübe seufzt: Ich laß nicht ein,
Nur neue Trübsal wird es sein.

Der Reiche wähnt, es pocht die Not,
Der Kranke bangt, es sei der Tod.
Schon will das Glück enteilen sacht;
Denn nirgends wird ihm aufgemacht.
Der Dümmste öffnet just die Tür –
Da lacht das Glück: »Ich bleib bei dir!«

Richard Zoozmann

*

Richard Hugo Max Zoozmann, veröffentlichte auch unter den Pseudonymen Richard Hugo, Hugo Zürner

Geboren am 15. März 1863 in Berlin – gestorben am 15. Februar 1934 in Herrenalb (Schwarzwald). Richard Zoozmann war Übersetzer, Lyriker, Epiker und Dramatiker.

 

M ä r z  2 0 1 7

Ein Jubellaut der Lerchenkehle,
Ein Finkenruf vom kahlen Baum
Trägt dir hinein schon in die Seele
Des ganzes Lenzes Wonnetraum.

Halt nur nicht selbst im Wahn verriegelt
Dein Herz dem Glanze, der’s erhellt,
Nur wie in deinem Blick sich spiegelt
Die Welt, so ist für dich die Welt.

Emil Rittershaus

*

Emil Rittershaus

(1834 – 1897) westfälischer Lyriker und Rezitator. Dieses Gedicht wird manchmal unter dem Titel “Wonnetraum” veröffentlicht.

F e b r u a r  2 0 1 7

Gottlob! daß ich auf Erden bin …

Gottlob! daß ich auf Erden bin
Und Leib und Seele habe;
Ich danke Gott in meinem Sinn
Für diese große Gabe.

Der Leib ist mir doch herzlich lieb
Trotz seiner Fehl und Mängel,
Ich nehme gern mit ihm vorlieb
Und neide keinen Engel.

Ich küsse gern mein braunes Weib
Und meine lieben Kinder,
Und das tut wahrlich doch mein Leib,
Und mir ist es gesünder,

Als wenn ich mit Philosophie
Die Seele mir verdürbe,
Denn ein klein wenig Not macht sie,
Die liebe Weisheit, mürbe.

Novalis

*

Novalis (1772-1801) eigentlich Georg Philipp Friedrich von Hardenberg, war ein deutscher Philosoph und Schriftsteller der Romantik.

 

J a n u a r  2 0 1 7

Gedicht zum Neuen Jahr

Ein bißchen mehr Friede und weniger Streit,
Ein bißchen mehr Güte und weniger Neid,
Ein bißchen mehr Liebe und weniger Haß,
Ein bißchen mehr Wahrheit – das wäre doch was!

Statt so viel Unrast ein bißchen mehr Ruh’,
Statt immer nur Ich ein bißchen mehr Du,
Statt Angst und Hemmung ein bißchen mehr Mut
Und Kraft zum Handeln – das wäre gut!

Kein Trübsal und Dunkel, ein bißchen mehr Licht,
Kein quälend Verlangen, ein bißchen Verzicht,
Und viel mehr Blumen, solange es geht,
Nicht erst auf Gräbern – da blüh’n sie zu spät!

Peter Rosegger

*

Peter Rosegger (1843-1918) war ein österreichischer Schriftsteller und Poet