
Auf der Seite wird die Tradition “Gedicht des Monats” weitergeführt. Seit Herbst 2010 ist es wieder regelmäßig online unter der Redaktion von Petra Schirrmann-Krapinoja und Michael Möbius. Beiträge können an die beiden per E-Mail gesendet werden.
M a i 2 0 1 2
Alles neu macht der Mai
Alles neu macht der Mai
macht die Seele frisch und frei
Laßt das Haus, kommt hinaus,
windet einen Strauß!
Rings erglänzet Sonnenschein
duftend pranget Flur und Hain
Vogelsang, Hörnerklang
tönt den Wald entlang
Wir durchzieh’n Saaten grün
Haine, die ergötzend blüh’n
Waldespracht – neu gemacht
nach des Winters Nacht.
Dort im Schatten an dem Quell
rieselnd munter, silberhell
klein und Groß ruht im Moos
wie im weichen Schoß
Hier und dort, fort und fort
wo wir ziehen Ort für Ort
Alles freut sich der Zeit
die verjüngt, erneut
Widerschein der Schöpfung blüht
uns erneuernd im Gemüt
Alles neu, frisch und frei
Macht der holde Mai
Hermann Adam von Kamp
*
Hermann Adam von Kamp (1796-1867) war ein deutscher Lehrer, Heimatkundler und Schriftsteller. Das von ihm 1818 verfasste Lied Alles neu macht der Mai zählt zum lyrischen Kulturgut der deutschen Sprache.
A p r i l 2 0 1 2
Ich habe dich so lieb
Ich habe dich so lieb!
Ich würde dir ohne Bedenken
eine Kachel aus meinem Ofen schenken.
Ich habe dir nichts getan.
Nun ist mir traurig zu Mut.
An den Hängen der Eisenbahn
leuchtet der Ginster so gut.
Vorbei–verjährt–
doch nimmer vergessen.
Ich reise.
Alles, was lange währt,
ist leise.
Die Zeit entstellt alle Lebewesen.
Ein Hund bellt.
Er kann nicht lesen.
Er kann nicht schreiben.
Wir können nicht bleiben.
Ich lache.
Die Löcher sind die Hauptsache in einem Sieb.
Ich habe dich so lieb.
Joachim Ringelnatz
*
Joachim Ringelnatz (1883 – 1934; eigentlich Hans Gustav Bötticher) war ein deutscher Schriftsteller, Kabarettist und Maler.
M ä r z 2 0 1 2
März
Es ist ein Schnee gefallen,
Denn es ist noch nicht Zeit,
Dass von den Blümlein allen,
Dass von den Blümlein allen
Wir werden hoch erfreut.
Der Sonnenblick betrüget
Mit mildem, falschem Schein,
Die Schwalbe selber lüget,
Die Schwalbe selber lüget,
Warum? Sie kommt allein.
Sollt ich mich einzeln freuen,
Wenn auch der Frühling nah?
Doch kommen wir zu zweien,
Doch kommen wir zu zweien,
Gleich ist der Sommer da.
Johann Wolfgang von Goethe
*
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) war ein deutscher Dichter, Naturforscher und hoher Beamter am Hof von Weimar. Gemeinsam mit Friedrich Schiller gehört er zum wichtigsten Vertreter der Weimarer Klassik.
F e b r u a r 2 0 1 2
Winter
Der Winter ist ein rechter Mann,
Kernfest und auf die Dauer;
Sein Fleisch fühlt sich wie Eisen an
Und scheut nicht Süß noch Sauer.
Er zieht sein Hemd im Freien an
Und läßt’s vorher nicht wärmen,
Und spottet über Fluß im Zahn
Und Kolik in Gedärmen.
Aus Blumen und aus Vogelsang
Weiß er sich nichts zu machen,
Haßt warmen Drang und warmen Klang
Und alle warmen Sachen.
Doch wenn die Füchse bellen sehr,
Wenn’s Holz im Ofen knittert,
Und an dem Ofen Knecht und Herr
Die Hände reibt und zittert;
Wenn Stein und Bein vor Frost zerbricht
Und Teich und Seen krachen,
Das klingt ihm gut, das haßt er nicht,
Dann will er sich totlachen.
Sein Schloß von Eis liegt ganz hinaus
Beim Nordpol an dem Strande;
Doch hat er auch ein Sommerhaus
Im lieben Schweizerlande.
Da ist er denn bald dort, bald hier,
Gut Regiment zu führen.
Und wenn er durchzieht, stehen wir
Und sehn ihn an und frieren.
Matthias Claudius
*
Matthias Claudius (Pseudonym Asmus, geb. 1740 in Reinfeld (Holstein) – gest. 1815 in Hamburg) war ein deutscher Dichter und Journalist. Er wurde bekannt als Lyriker mit volksliedhafter, intensiv empfundener Verskunst.
J a n u a r 2 0 1 2
Lust der Erstarrung
Winter! Winter! frost’ges Leben!
Schnee und Erde deckt die Reben,
Und der Most in Fasses Runde
Schweigt, gibt nimmer Lebenskunde.
Winter! Winter! kalter Schrecken!
Möcht’ mich auch mit Erde decken,
Daß das Blut in meinem Herzen
Stände still mit all den Schmerzen!
Justinus Kerner
*
Justinus Kerner (1786-1862) war ein deutscher Dichter, Arzt und medizinischer Schriftsteller, er veröffentlichte medizinische Beiträge.
D e z e m b e r 2 0 1 1
Bundeslied der Galgenbrüder
O schauerliche Lebenswirrn,
wir hängen hier am roten Zwirn!
Die Unke unkt, die Spinne spinnt,
und schiefe Scheitel kämmt der Wind.
O Greule, Greule, wüste Greule!
“Du bist verflucht!”, so sagt die Eule.
Der Sterne Licht am Mond zerbricht.
Doch dich zerbrach’s noch immer nicht.
O Greule, Greule, wüste Greule!
Hört ihr den Huf der Silbergäule?
Es schreit der Kauz: pardauz! pardauz!
da tauts, da grauts, da brauts, da blauts!
Christian Morgenstern
*
Christian Morgenstern (* 6. Mai 1871 in München; † 31. März 1914 in Meran), vollständiger Name: Christian Otto Josef Wolfgang Morgenstern. In seinen Galgenliedern entfaltet Morgenstern seinen liebenswürdigen, scharfsinnigen Sprachwitz, dessen Sinnentschlüsselung oft „eines zweiten und dritten Blicks“ bedarf.
N o v e m b e r 2 0 1 1
Professoren-Liedchen
Büchlein Büchlein an der Wand
wer ist der Klügste im ganzen Land?
Der Doktor Doll, der Daktor Dall
Der Diktor Dill, der Duktor Dull
das ist der Klügste im Land.
Büchlein, Büchlein
das sollst Du mir büßen.
Martin Walser
*
Martin Walser (* 24. März 1927) ist ein deutscher Schriftsteller. Bekannt wurde Walser durch seine Darstellung innerer Konflikte der Antihelden in seinen Romanen und Erzählungen. Der Autor besuchte die Universität im Oktober 2011 zu einer Lesung aus seinem ins Finnische übersetzten Roman Ein liebender Mann (fin. Muuan rakastava mies – Lurra editions 2011). Bei dieser Gelegenheit las er auch das oben stehende Gedicht. Wir danken dem Autor herzlich! Zur Audio-Datei.
O k t o b e r 2 0 1 1
Verfall
Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten,
Folg ich der Vögel wundervollen Flügen,
Die lang geschart, gleich frommen Pilgerzügen,
Entschwinden in den herbstlich klaren Weiten.
Hinwandelnd durch den dämmervollen Garten
Träum ich nach ihren helleren Geschicken
Und fühl der Stunden Weiser kaum mehr rücken.
So folg ich über Wolken ihren Fahrten.
Da macht ein Hauch mich von Verfall erzittern.
Die Amsel klagt in den entlaubten Zweigen.
Es schwankt der rote Wein an rostigen Gittern,
Indes wie blasser Kinder Todesreigen
Um dunkle Brunnenränder, die verwittern,
Im Wind sich fröstelnd blaue Astern neigen.
Georg Trakl
*
Georg Trakl (1887-1914) war ein österreichischer Dichter des Expressionismus.
S e p t e m b e r 2 0 1 1
Herbstgefühl
Grünen, Blühen, Duften, Glänzen,
Reichstes Leben ohne Grenzen,
Alles steigernd, nirgends stockend.
Selbst die kühnsten Wünsche lockend:
Ja, da kann ich wohl zerfließen,
Aber nimmermehr genießen;
Solche Flügel tragen weiter
Als zur nächsten Kirschbaum-Leiter.
Doch, wenn rot die Blätter fallen,
Kühl die Nebelhauche wallen,
Leis durchschauernd, nicht erfrischend,
In den warmen Wind sich mischend:
Dann vom Endlos-Ungeheuren
Flücht’ ich gern zum Menschlich-Teuren,
Und in einer ersten Traube
Sieht die Frucht der Welt mein Glaube.
Christian Friedrich Hebbel
*
Christian Friedrich Hebbel (1813-1863) war Maurerlehrling und Schreiber. Autodidaktische Bildung, 1842-43 Stipendium in Kopenhagen, 1843-44 Paris; dort Bekanntschaft mit Heine. Ab 1849 Feuilletonredakteur in Wien.
A u g u s t 2 0 1 1
Sommerfrische
Zupf dir ein Wölkchen aus dem Wolkenweiß,
Das durch den sonnigen Himmel schreitet.
Und schmücke den Hut, der dich begleitet,
Mit einem grünen Reis.
Verstecke dich faul in der Fülle der Gräser
Weil`s wohltut, weil`s frommt.
Und bist du ein Mundharmonikabläser
Und hast eine bei dir,
dann spiel, was dir kommt.
Und lass deine Melodien lenken
Von dem freigegebenen Wolkengezupf.
Vergiss dich. Es soll dein Denken
Nicht weiter reichen als ein Grashüpferhupf.
Joachim Ringelnatz
*
Joachim Ringelnatz (1883-1934); eigentlich Hans Gustav Bötticher). Er war ein deutscher Schriftsteller, Kabarettist und Maler.
J u l i 2 0 1 1
Geh aus mein Herz und suche Freud
Geh aus mein Herz und suche Freud
In dieser lieben Sommerszeit
An deines Gottes Gaben;
Schau an der schönen Gärtenzier
Und siehe, wie sie mir und dir
Sich ausgeschmücket haben.
Die Bäume stehen voller Laub,
Das Erdreich decket seinen Staub
Mit einem grünem Kleide;
Narzissen und die Tulipan,
Die ziehen sich viel schöner an
Als Salomonis Seide.
Die Lärche schwingt sich in die Luft,
Das Täublein fleugt aus seiner Kluft
Und macht sich in die Wälder;
Die hochbegabte Nachtigall
Ergötzt und füllt mit ihrem Schall
Berg, Hügel, Tal und Felder.
Paul Gerhardt
*
Paul Gerhardt (1607- 1676), evangelisch-lutherischer Theologe und deutscher Dichter des Barock. Er gilt neben Martin Luther als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Kirchenlieddichter.
J u n i 2 0 1 1
Sommer
Ich komm im Sommerwald daher
Und lausche seinem Weben –
Kein menschlich Schreiten trägt mich mehr,
Ein Wallen ist’s und Schweben.
Ich blicke nieder zur Blume ins Kraut,
Blick auf zur Sonn in die Höhe –
Wie aus dem Kleinen das Große sich baut:
Geheiligt ist, was ich sehe!
Klar wird’s in mir und seherhell –
Wie meine Sinne lauschen,
Klingt in mich ein, was leis der Quell,
Was Gräser und Bäume rauschen,
Hör ich das kreisende Blut der Natur
Durch Erden und Welten wallen,
Hör ich durch alle Kreatur
Den e i n e n Herzschlag hallen.
Ferdinand Avenarius
*
Ferdinand Ernst Albert Avenarius (1856-1923) war ein deutscher Dichter und Gründer der Zeitschrift Der Kunstwart. Ferdinand Avenarius war ein Bruder des Philosophen Richard Avenarius und ein Stiefneffe Richard Wagners. Die Sommer verbrachte Avenarius in Kampen auf Sylt, als dessen „Entdecker“ und Popularisierer er gilt. Avenarius wurde erster Ehrenbürger der Gemeinde Kampen.
M a i 2 0 1 1
Der Mai
Mit rosigtem Flügel
verjünget und neu
auf sonnigte Hügel
senkt froh sich der Mai.
Franz Grillparzer
*
Franz Grillparzer (1791-1872) war Jurist, Lehrer, Archivar und österreichischer Schriftsteller und Dramatiker.
A p r i l 2 0 1 1
Die Trichter
Zwei Trichter wandeln durch die Nacht.
Durch ihres Rumpfs verengten Schacht
fließt weißes Mondlicht
still und heiter
auf ihren
Waldweg
u.s.
w.
Christian Morgenstern
*
Christian Morgenstern: geb. 1871 in München, gest. 1914 in Meran. Morgenstern war ein deutscher Dichter, Schriftsteller und Übersetzer. Besondere Bekanntheit erreichte seine komische Lyrik, die jedoch nur einen Teil seines Werkes ausmacht.
M ä r z 2 0 1 1
Frühling Ilse
Ich war ein Kind von fünfzehn Jahren,
Ein reines unschuldsvolles Kind,
Als ich zum ersten Mal erfahren,
Wie süß der Liebe Freuden sind.
Er nahm mich um den Leib und lachte
Und flüsterte: O welch ein Glück!
Und dabei bog er sachte, sachte
Den Kopf mir auf das Pfühl zurück.
Seit jenem Tag lieb’ ich sie alle,
Des Lebens schönster Lenz ist mein;
Und wenn ich keinem mehr gefalle,
Dann will ich gern begraben sein.
Frank Wedekind
*
Frank Wedekind (geb. 1864 in Hannover- gest. 1918 in München); deutscher Schriftsteller, Journalist und Schauspieler.
F e b r u a r 2 0 1 1
Vom Hering
Der Hering ist ein salzig Tier,
er kommt an vielen Orten für.
Wer Kopf und Schwanz kriegt, hat kein Glück.
Am besten ist das Mittelstück.
Es gibt auch eine saure Art,
in Essig wird sie aufbewahrt.
Geräuchert ist er alle Zeit
ein Tier von großer Höflichkeit.
Wer niemals einen Hering aß,
wer nie durch ihn von Qual genas,
wenn er mit Höllenpein erwacht,
der kennt nicht seine Zaubermacht!
Drum preiset ihn zu jeder Zeit,
der sich der Menschheit Wohl geweiht,
der heilet, was uns elend macht,
dem Hering sei ein Hoch gebracht!
Heinrich Seidel
*
Heinrich Seidel (1842- 1906) Sohn eines Pfarrers, arbeitete erst als Ingenieur. Seit 1880 freier Schriftsteller, der in seinen Werken die idyllischen Seiten des bürgerlichen Lebens schildert.
Januar 2011
Stufen
Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
in andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
der uns beschützt und der uns hilft zu leben.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten.
An keinem wie an einer Heimat hängen.
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen.
Er will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen.
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden …
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!
Hermann Hesse
*
Hermann Karl Hesse (Pseudonym: Emil Sinclair; 1877 -1962) deutsch-schweizerischer Dichter, Schriftsteller und Freizeitmaler. Bekannteste literarische Werke: Der Steppenwolf, Siddhartha, Peter Camenzind, Demian, Narziß und Goldmund, Unterm Rad und Das Glasperlenspiel. 1946 Nobelpreis für Literatur.
Dezember 2010
Marsch der Weihnachtspuppen
in St Nikolaus` Reich
Die Nüsseknackerkompanie
marschiert vorüber stolz;
ihr folgt das Korps der Musizi
von Gummi, Zinn und Holz
mit Trommel und Harmonika,
Trompete und Fagott:
Bum bum, kling klang, trara trara!
Bringt es das Ständchen flott.
Mit lust´gen Sprüngen naht das Korps
der Hampelmänner fix,
der große Puppendamenflor
mit tiefstem Galaknicks;
die Ehrenwache im Galopp,
Dragoner und Husar:
B um bum, trara, kling kling, hopp hopp!
bringt ihre Huld´gung dar.
Die Arche Noah kommt zum Schluß:
Lamm, Löwe, Maus und Hahn
aus Schokolade, Zuckerguß,
Tragant und Marzipan:
Chinese, Türke, Mohr und Schah
ruft voller Jubel aus:
Bum bum, kling kling, trara trara!
Hoch Vater Nikolaus !
Julius Lohmeyer
*
Julius Lohmeyer (1834-1903) war ein deutscher Naturwissenschaftler und Schriftsteller. 1872 gründete er die Zeitschrift Die deutsche Jugend, die vom preußischen Unterrichtsministerium gefördert und als pädagogisch wertvoll empfohlen wurde. Lohmeyer war Mitglied im Allgemeinen Deutschen Reimverein und hat viele Werke extra für Kinder und Jugendliche verfasst.
November 2010
Auf einer kleinen Bank vor einer großen Bank
Worauf mag die Gabe des Fleißes,
die der Deutsche besitzt, beruhn?
Deutsch sein heißt (der Deutsche weiß es)
Dinge um ihrer selbst willen tun.
Wenn er spart, dann nicht deswegen,
dass er später davon was hat.
Nein, ach nein! Geld hinterlegen
findet ohne Absicht statt.
Uns erfreut das bloße Sparen.
Geld persönlich macht nicht froh.
Regelmäßig nach paar Jahren
klaut ihr’s uns ja sowieso.
Nehmt denn hin, was wir ersparten!
Und verludert’s dann und wann!
Und erfindet noch paar Arten,
wie man pleite gehen kann!
Wieder ist es euch gelungen.
Wieder sind wir auf dem Hund.
Unser Geld hat ausgerungen.
Ihr seid hoffentlich gesund.
Heiter stehn wir vor den Banken.
Armut ist der Mühe Lohn.
Bitte, bitte, nichts zu danken!
Keine Angst, wir gehen schon.
Und empfindet keine Reue!
Leider wurdet ihr ertappt.
Doch wir halten euch die Treue.
Und dann sparen wir aufs neue,
bis es wieder mal so klappt.
Erich Kästner
*
Erich Kästner (1899-1974) Schriftsteller, Drehbuchautor und Verfasser von Texten für das Kabarett; Kinderbuchautor und Verfasser von humoristischen und zeitkritischen Gedichten.
Oktober 2010
Herbst
Astern blühen schon im Garten;
Schwächer trifft der Sonnenpfeil
Blumen, die den Tod erwarten
Durch des Frostes Henkerbeil.
Brauner dunkelt längst die Heide,
Blätter zittern durch die Luft.
Und es liegen Wald und Weide
Unbewegt im blauen Duft.
Pfirsich an der Gartenmauer,
Kranich auf der Winterflucht.
Herbstes Freuden, Herbstes Trauer,
Welke Rosen, reife Frucht.
Detlev von Liliencron
*
Detlev von Liliencron (1844-1909) war ein deutscher Lyriker. Er wirkte auch als Prosa- und Bühnenautor. Seine Lyrik gilt als bedeutende Wegmarke des aufkommenden Naturalismus des späten 19. Jahrhunderts.
