Stereotypen, ethnischer Hintergrund und Identität (Meri Vainio)

In interkultureller Literatur stehen oft die Themen, wie ethnische Hintergrund und Identität, im Fokus. In jedem Buch gibt es auch Stereotypen, die „feste Vorstellungen von Eigenschaften oder Verhaltensweisen, die Menschen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe zugeschrieben werden“ (IKUD® Seminare (2021)). Laut der IKUD® Seminare (2021) „helfen sie auch dem Individuum, komplexe Wahrnehmungen und Informationen zu reduzieren.“

In diesem Buch gibt es viele verschiedene Stereotypen, die man sehen kann, wenn man die unterschiedlichen Haupt- und Nebenfiguren betrachtet. Mick, einer der Hauptfiguren, ist ein charmanter Mann, der mit vielen Frauen schläft und seiner Freundin, Delia, nicht treu ist. Er feiert hart, als er jung ist, säuft und nimmt Drogen, und es scheint, dass er kaum keine Richtung im Leben hat. Gabriel dagegen, die andere Hauptfigur, ist das Gegenteil seines Bruders. Er bekommt gute Noten in der Schule und wird ein erfolgreicher Architekt. Er ist aber kommunikationsgestört und kann überhaupt nicht mit Frauen flirten, sondern immer sagt, was er meint. Man bezeichnet Mick also als ein charmanter Frauenheld, während Gabriel als ein ganz ernster, nicht so sozialer Mann. Außerdem kommt Idris, Mick und Gabriels Vater, etwa stereotypisch vor: er ist der Mann, der seinen Kindern und deren Mütter hinterlässt und die Kinder wieder kontaktiert, wenn er alt ist.

Delia, die Micks Freundin ist, gehört zu einer wohlhabenden Familie und studiert Jura. Sie repräsentiert das Stereotyp, wie ein Kind gutgebildeter Eltern, trotz ihrer persönlichen Probleme, dem Pfad der Eltern folgt und einen guten Beruf kriegt. Fleur, die Gabriels Frau ist, stellt auch ein Stereotyp dar, nämlich das der Frau, die gleichzeitig mit zwei Männern schläft, schwanger wird und dann sich für den reicheren und erfolgreicheren Mann entscheidet, obwohl das Kind nicht unbedingt seines ist. Überdies stoßt man auf einige andere Stereotypen. Mick und Gabriel, sowie sein Vater, begegnen rassistischen Menschen (und ihren rassistischen Kommentaren) in ihrem Alltag, zum Beispiel Mick traf seinen alten Schulkumpel, Silvio Kurz, in einem Lottoladen, und als er rausging, beschimpften Silvio und seine Freunde ihn und Silvio schlug ihn. Fleur dagegen, als Frau, wurde von seinem Boss Morris negativ beurteilt: „Aber im Ernst, Fleur […] lass die Jüngeren ran. Sie brauchen Jobs, du nicht.“ (S.545).

In der Zeit, wenn die BLM-Bewegung (Black Lives Matter) ein sehr wichtiges und prägendes Thema in der Gesellschaft ist, rückt das Buch auch das Thema der Hautfarbe ins Zentrum. Die schwarze Haut wird als Stereotyp betrachtet und man erfährt durch die Erfahrungen der zwei Brüder und ihren Vater, wie die Menschen mit schwarzer Haut in der Gesellschaft gesehen werden. Die Menschen mit weißer Haut konzentrieren sich oft nur auf die Hautfarbe und die anderen Eigenschaften werden nicht berücksichtigt, z.B. als Delia, Mick und Desmond (einer von Micks Freunde, der auch dunkle Haut hast) aus Kolumbien zurück nach Deutschland flogen und in London eine Zwischenlandung hatten, wurden nur Desmond und Mick von der Polizei am Flughafen in London gestoppt und verhaftet, während Delia keine Probleme hatte.

In Bezug auf den ethnischen Hintergrund und die Identität, sind diese Themen prägend im Leben der Haupt- und Nebenfiguren. Die Hauptfiguren, Mick und Gabriel, sind beide mixed race Männer und erfahren othering in verschiedensten Formen, zum Beispiel in Fragen und Kommentaren der anderen Menschen: „Sag mal, werdet ihr eigentlich braun, ich meine: noch brauner?“ (S.78), fragte Mick eine Frau im Urlaub, oder „Als Kind hatte man mir oft gesagt, ich (Gabriel) hätte eine schöne Hautfarbe, und meinte damit, dass ich immerhin nicht ganz schwarz war“ (S.354). Die beiden bemerkten auch in der Schule, dass sie ganz anders aussahen als die anderen Kinder, zum Beispiel in den Schulklassefotos, aber wussten nur, dass ihr abwesender Vater aus Afrika kommt.

Wie gesagt, die Figuren haben unterschiedliche Identitätsfragen im Buch. Als Kind wunderten sich die Hauptfiguren, wer sie eigentlich waren und woher sie kamen. Sie hatten keine stabile Vaterfigur, infolgedessen mussten sie ihre Identität ohne eine bilden. Sowohl Mick als auch Gabriel hatten jedoch ein zuverlässiger Erwachsene in ihrem Leben, außer ihre Mütter. Mick hatte seine Tante und Gabriel seinen Großvater. Über Gabriel muss man aber erwähnen, dass er seine Mutter sehr jung verlor, d.h. er musste seine Identität dann neu formulieren. Als die Hauptfiguren Jugendliche waren, spielte ihren Freundeskreis, oder Zugehörigkeit zu einer Gruppe, auch eine wichtige Rolle in ihrer Identitätsbildung, zum Beispiel „Er (Mick) passte wieder ins Bild, wie damals, bei seinen Ska-Skins […]“ (S. 260). Überdies hatten die beiden, sowie die Nebenfiguren damals die Identitätsfragen zu ihrer Sexualität.

Als die Figuren aufwuchsen, änderten sich einigermaßen die Identitätsfragen. Jetzt fragte man, wie man sich als Partner/in oder als Mutter/ Vater identifiziert, besonders die Mutter/Vater-Identitätsfrage war bedeutend, weil man sich oft fühlt, als ob man seine eigene Identität verliere, wenn man ein Kind bekommt. Zum Beispiel Fleur fühlte sich nicht hundertprozentig sich selbst nach Alberts Geburt und bezeichnete sich nur als Alberts Mutter. Auch Mick und Gabriel mussten über ihre Identität nachdenken, als sie Väter wurden. Die Identität der Figuren wurde auch durch Arbeit formuliert. Zum Beispiel Gabriel (Architekt) und Fleur (Übersetzerin) definierten sich durch ihre Arbeit und als Fleur ein großes Übersetzungsprojekt verlor, musste sie sich überlegen, wer sie eigentlich war. Außerdem handelte man Identitätsfragen in den Wendepunkten des Lebens. Die Identität wurde betrachtet, zum Beispiel als Fleur erfuhr, dass sie adoptiert war und als sie ihre leibliche Mutter traf, als Gabriel seine Mutter und Großvater verlor und als Mick seinen Vater und Albert seinen Großvater und Onkel traf.

-Meri V.

 

Quelle

IKUD® Seminare (2021): „Stereotype und Vorurteile: Definition Stereotypen“, unter: https://www.ikud-seminare.de/veroeffentlichungen/interkulturelles-lernen-stereotype-und-vorurteile.html?print.x=18&print.y=5#h-artikel-und-seminarhinweise-zum-thema-stereotype-und-vorurteile (abgerufen am 26.04.2021).

Philosophischer Vergleich von Mick und Gabriel (Mikhail Zolotilin)

 

Gabriel und Mick sind zwei sehr unterschiedliche Charaktere, die beide für den Leser sehr attraktiv sind. Bei Michael ist alles ein bisschen einfacher, er ist einfach ziemlich fröhlich und charismatisch, er bezieht sich einfach auf das Leben und sich selbst, Gabriel ist eine komplexere Person und es braucht mehr Zeit, um ihn als Charakter zu verstehen und zu lieben. An manchen Stellen mag er schwach oder sogar hysterisch erscheinen, aber gleichzeitig sehr “menschlich”, ähnlich dem durchschnittlichen Prototyp eines Menschen. Die Brüder hatten ziemlich ähnliche Startbedingungen, aber nach einer detaillierten Analyse unterschieden sie sich auch. Es waren genau diese Einzelheiten, die ihre Identität und Persönlichkeit hervorbrachten. Mick ist ein energiegeladener Reisender, der nicht immer an das Leben denkt, der sein Leben als Weg durchläuft, wenig über seine eigene Persönlichkeit nachdenkt, über sein „Ich“. Gabriel ist ein ständig reflektierende, dunkelhäutige europäische Intellektuelle, der versucht, sich selbst und anderen etwas zu beweisen. Bei jedem Schritt schaut er sich um und überlegt, ob er die richtige Aktion ausgeführt hat. Sein Aussehen macht ihn zur Geisel der ständigen Frage nach seiner eigenen Identität, die in Wirklichkeit als große schwarze Wolke auf jedem Menschen, jedem Einzelnen steht. Aber nur er und Menschen mit ähnlichen Geschichten sehen ihn so oft und fühlen sich so stark.

Über die Autorin – Jackie Thomae (Maija Multamäki)

Jackie Thomae ist eine deutsche Schriftstellerin und Journalistin. Sie ist 1972 in Halle an der Saale geboren, aber wohnt heute in Berlin und arbeitet hauptberuflich als Journalistin und Fernsehautorin. Sie hat ihr erstes Werk, ein Ratgeberbuch mit dem Titel Eine Frau – Ein Buch mit Heike Blümner 2008 geschrieben. Schon seit dem ersten Buch ist sie eine erfolgreiche Schriftstellerin, die auch an Literaturwettbewerbe teilgenommen hat. 

Ihr erster Roman, Momente der Klarheit, erschien 2015. 2017 wurde Thomae zum Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb eingeladen, und 2020 gewann sie den Düsseldorfer Literaturpreis für ihren neuesten Roman, Brüder (2019). Sie wurde auch für den Deutschen Buchpreis 2019 nominiert. 

Alle ihre Werke sind: 

  •   Eine Frau – ein Buch. (mit Heike Blümner). Süddeutsche Zeitung, München 2008
  •   Let’s face it: Das Buch für alle, die älter werden (mit Heike Blümner). Blanvalet, München 2011
  •   Man muss die Falten feiern, wie sie fallen: Das Buch für alle, die älter werden. Blanvalet, München 2012
  •   Momente der Klarheit. Roman. Hanser Berlin, Berlin 2015
  •   Brüder. Roman. Hanser Berlin, Berlin 2019

Namen der Charaktere im Roman “Brüder” von Jackie Thomae (Mikhail Zolotilin)

 

 

Der Roman Jackie Thomae “Brüder” ist aus mehreren Gründen eine gute Arbeit:

 

  1. Das Buch verwendet eine sehr „lebendige“ und dennoch einfache Sprache, die das Lesen einfach und angenehm macht.
  2. In der Arbeit wurde ein ausgezeichnetes Gleichgewicht zwischen konzeptuellen Inhalten gefunden. Es wirft soziale, politische und kulturelle Fragen auf, indem es die Geschichte einiger spezifischer Menschen mit ihren eigenen spezifischen Problemen erzählt, die sich mit der Biographie des Autors reimen, und also Menschen mit einer ähnlichen Lebensgeschichte. Gleichzeitig kann jeder Mensch mit irgendeiner Erfahrung und Hintergrund in dieser Geschichte etwas Relevantes und Nahes finden, was den Roman gleichzeitig sehr universell macht.
  3. Der letzte Grund ist eine große Anzahl kultureller Referenzen, die sich meist auf die Zeit der Geschichte (80er, 90er Jahre und heutzutage ) beziehen, um den Zeitgeist, menschliches Leben sowie kulturelles zu vermitteln Phänomene dieser Zeit. Aber vielleicht auch im Roman gibt es viel tiefere kulturelle Bezüge, die sich auf eine weiter entfernte Zeit und die Ursprünge der Weltliteratur beziehen. Bei der Analyse der Namen der Hauptfiguren des Romans ist uns etwas Interessantes aufgefallen:

 

Die Namen der drei männlichen Hauptfiguren des Romans sind mit der abrahamitischen religiösen Tradition verbunden (diese Namen finden sich in der jüdischen, christlichen und islamischen Literatur).

 

Mick ENGELman (Michael) –  מי כאל[mixåˈʔel], ميكائيل, [mikai] Μιχαήλ [mixai] Míchaël ist ein hebräischer alttestamentlicher Name. In der Thora, der Bibel und im Koran ist Michael der Erzengel, das Haupt der himmlischen Armee und die rechte Hand Gottes.

Gabriel Loth (Gabriel) גַּבְרִיאֵל Gaḇrīʾēl جبرائيل, Jibrāʾīl Γαβριήλ Gabriḗl Gabriel ist auch ein hebräischer Name. In abrahamitischen Religionen – der zweite nach Michael, der Engel mit dem höchsten Rang unter den Engeln, zusammen mit Raphael und Uriel, die um den Thron Gottes stehen und die vier Seiten der Welt bewachen. Loth oder Lot (Nachname) ist auch ein alttestamentlicher Charakter, der zusammen mit seiner Familie von Engeln aus Sodom gerettet wurde. Bevor die Stadt zerstört wurde. Loth לוֹט [Lōṭ] لُوط‎ [Lūṭ] Λώτ [Lṓt]

 

Idris (إدريس) ist ein Prophet, der im Koran erwähnt und mit dem biblischen Henoch ( חנוך , Ενωχ, Enoch) identifiziert wird. Er gilt als der erste, der nähte und maßgeschneiderte Kleidung trug und wusste, wie man die Zeit zählt. Für seine Gerechtigkeit wurde Idris in den Himmel aufgestiegen und wurde das Haupt der Erzengel. Somit kann eine Parallele gezogen werden, dass Idris Cisse im Roman versucht, seine Söhne auf die gleiche Weise zu treffen wie im Koran, den Idris Engel treffen wollte. In der hebräischen Schrift ging Henoch lebend in den Himmel, aber im Koran wurde Idris vom Todesengel in den Himmel gebracht, was auf einen traurigen Gedanken hindeutet, dass Idris im Roman ihn vielleicht dazu veranlasste, sich mit seinen Söhnen zu treffen, damit er tödlich sein könnte krank und bemühen sich, Zeit zu haben, um sich mit Kindern zu treffen, bevor er stirbt.

 

So können wir auch eine Parallele ziehen Mik – Gabriel – Idris / Michael (rechte Hand Gottes) – Gabriel (linke Hand Gottes) – vermutlich Gott (Jahwe)

 

Darüber hinaus können uns die Namen einiger anderer Charaktere auch etwas sagen, vor allem Fleur, dessen Name möglicherweise auch indirekt mit derselben abrahamitischen Referenz in Verbindung gebracht werden kann.

 

Fleur ist ein französischer Name, der sich in Blume übersetzt. Eine Blume (genauer gesagt eine Lilie) ist ein obligatorisches Attribut des Erzengels Gabriel auf Ikonen und religiösen Gemälden, die der Handlung von Gabriels Begegnung mit der Mutter Jesu und ihrer Benachrichtigung über das Schicksal von ihr und ihrem Sohn gewidmet sind.

 

Die Auswahl der Namen der übrigen Charaktere ist aufgrund der religiösen Charaktere schwer zu interpretieren, man kann jedoch auch etwas noch Interessantes finden.

Das Buch kurz gefasst (Laura Buchholz)

„Brüder“, veröffentlicht 2019 beim Verlag Hanser Berlin, ist der zweite Roman der Schriftstellerin Jackie Thomae, die selbst auch ein Kind von einem schwarzen, afrikanischen Mann und einer weißen, deutschen Mutter ist, wie ihre Protagonisten, Mick und Gabriel.

Mick und Gabriel sind aber Männer: deutsche, dunkelhäutige Männer, Halbbrüder, die aber einander nicht kennen und auch sehr verschiedenartig ihr Leben führen. Mick ist der Bruder Leichtfuß. Er mag schnelle Autos, sexy Frauen, Clubs und Gesellschaft. Gabriel dagegen ist zielstrebig, ehrgeizig und eher unsozial. Er wird Architekt und gründet eine Familie. Obwohl die Männer so verschieden sind, haben ihre Leben auch irgendetwas gemeinsames: die beide begegnen Schwierigkeiten im Leben, die sie das Leben neu zu denken zwingen, und zu entscheiden, was ihnen in dem wichtig ist.