All posts by Olavi Seppänen

Olen 1993 syntynyt teologian opiskelija Helsingistä sekä kristitty. Harrastan musiikkia, kieliä, politiikkaa ja historiaa; tieteellisistä kiinnostuksista mainittakoon Euraasian uskontojen ja myyttien historia.

Rückkehr nach Budapest

“Budapest”, habe ich in meinem Tagebuch vor acht Jahren geschrieben, “ist vielleicht die netteste Stadt Europas, die ich besucht habe.” Es ist sogar ein beklagenswerter Wunder, dass ich dort nicht früher habe zurückreisen können. Heute aber wohnt meine Mutter in München, wovon alle die berühmten, schönen Städte in Mitteleuropa leicht erreichbar sind. So haben wir zusammen entschieden: jetzt muss man wiederum nach Budapest!

Ich bin in München am Sonntag 17.5. angekommen. Am Samstag war ich in Schweden gewesen, um an einem Burschenschaftsfest teilzunehmen. Darüber habe ich schon etwas in meinem schwedischen Blog erzählt. Sowohl am Samstag als auch beim Reisen nach Deutschland hat es ganz weh in meinem linken Fuß getan, was möglicherweise von schlecht passenden Schuhen verursacht war. Also habe ich am Montag Laufen vermieden, und als am Abend die Zeit kam, uns zum Bahnhof zu begeben, gab es fast keinen Schmerz mehr.

Fahren mit einem Nachtzug kenne ich schon von früher her, nicht außer Finnland aber. Das Wetter ist ganz warm und windstill am Münchner Hauptbahnhof gewesen, mit einem schon verdunkelten Himmel – eine perfekte Stimmung, um eine Reise zu beginnen. Wir sind eingestiegen und uns im Liegewagen ein bisschen umgesehen, der war nicht allzu modern und hat mir natürlich gut gefallen!

Der Zug ist um 23:30 abgefahren, und die ganze Reise nach Budapest hat 9 Stunden und 30 Minuten gedauert. Halbwegs, in Salzburg, ist der Zug geteilt worden, worauf die eine Halbe nach Zagreb und Venedig gefahren ist und die unsere also nach Budapest. Wir haben unseren deutschen Wagenschaffner auch sehr fließend italienisch sprechen gehört. Was uns noch mehr überrascht hat, ist er kurz nach dem Abfahrt zu uns gekommen, um unsere Frühstücksgetränkswünsche herauszufinden. “Kaffee, Tee oder Cappuccino?” Wie nett, besonders wenn das nichts extra gekostet hat!

Meinen früheren Erfahrungen nach war es nicht bequem, in einem Zug gut zu schlafen, aber diesmal ist es etwas besser gelungen. In der Kabine ist es dunkel und ruhig gewesen, und das Bett habe ich breit und weich genug gefunden. Man muss nur den Vorhang ordentlich niederziehen, so dass das Sonnenlicht am Morgen nicht störend wird. Der krönende Effekt ist das Frühstück gewesen; außer Kaffee hat es nämlich auch Orangensaft und ein Croissant enthalten. Im Großen und Ganzen kann ich eine Nachtreise mit jenem ungarischen Zug am wärmsten empfehlen, und ich lege einen Link für mehrere Information zu.

Als wir endlich in Budapest an dem Keleti Bahnhof angekommen sind, ist das Wetter sehr heiß gewesen. Die Temperatur ist sogar über 30° gelegen. Wir haben die kurze Strecke zum Kálvin tér in der Nähe unseres Hotels mit der U-Bahn zurückgelegt. Unser Zimmer im Hotel Kálvin Ház ist noch nicht bereit gewesen, also haben wir nur unser Gepäck bei der Rezeption hintergelegt, und uns stracks zurück auf die Straße begeben, um essen zu gehen.

Es gibt wirklich viele Restaurants in Budapest, und auch die echt feine sind meist günstig nordischen oder deutschen Maßstäben nach. Das erste, das wir besucht haben, heißt Két Szerecsen (ausgesprochen wie “keet seretschen”, bedeutet “Zwei Sarazenen”). Dort findet man allerlei europäische Gerichte von Frankreich bis Bosporus und sogar einige asiatische und nordafrikanische Spezialitäten. Ich wage behaupten, dass man dort weiß, wie Gewürze und Grill gebraucht werden sollen – mein Mittag hat aus marinierte Schweinefleisch am Spieß mit Salat aus frischer Gurke, Tomaten und Frühlingszwiebel bestanden. Und das hat nur etwa sieben Euro gekostet.

Am Nachmittag haben wir unser Zimmer im Hotel zur Verfügung bekommen – das war unheimlich hoch, altmodisch mit großen Holzmöbeln eingerichtet, aber mit einem ausnahmsweise modernen Badezimmer. Es gab aber keinen Tresor im Raum und auch keinen Kühlschrank, was ich als ein wenig beklagenswert empfunden habe. Einen Fernseher gab es doch, aber den haben wir nicht einmal angemacht. Wir hatten nämlich schon etwas mehr interessante Unterhaltung für jenen Abend beabsichtigt.

Es ist um ein Konzert des ungarischen Pianist Dezső Ránki gegangen, in dem vier Klaviersonaten Joseph Haydns gespielt worden sind. Das Konzert hat im Palast der Künste (Művészetek Palotája) stattgefunden, der südlich von der Stadtmitte an der Donau steht. Uns ist im Konzert ein beeindruckender Durchschnitt der Klaviermusik Haydns vorgestellt worden, der mich an einigen Stellen sogar an den Ausdruck Beethovens erinnert hat. Besonders weise ich hier auf die Sonate in Es-Dur Hob. XVI:52 hin.

Während der Pause haben wir uns die hochentwickelte ungarische Weinkultur ein bisschen besser bekannt gemacht. Der Unterschied zwischen Bayern und Ungarn ist bemerkenswert, wenn es sich um Getränke handelt. In Ungarn scheint es schwierig, ein geschmackvolles einheimisches Bier zu finden; stattdessen gibt es überall einen großen Auswahl einheimischer Weine, von denen die verschiedenen Tokajers die bekannteste sind. Sie können sogar ein bisschen “edelfaul” schmecken – sowie der Furmint Tokajer, den wir verkostet haben – weil in der Herstellung Trauben gebraucht werden, die in einer besonderen Weise verschimmelt sind.

Am nächsten Tag ist es immer noch heiß und sonnig gewesen. Mit dem Frühstück des Hotel Kálvin Ház hat man völlig zufrieden sein können; es ist reichhaltig und kontinental gewesen, aber von keiner Spitzenqualität. Nach dem Essen sind wir mit der Straßenbahn und dem Bus von Pest, also der östlichen Stadthalbe, nach Buda im Westen gefahren, um die Türbe des Gül-Baba zu betrachten.

Gül-Baba war ein türkischer Derwisch und Dichter, der in dem 16. Jahrhundert gelebt hat. Er ist unter unklaren Umständen gestorben, in Budapest gegraben worden, und heute verehren die Muslimen ihn als Heiliger. Seine Türbe in Budapest liegt an einer hohen Stelle in eine, ruhigen Gebiet und ist nicht unbedingt leicht zu finden. Die Adresse ist Mecset utca (Moscheestraße) 14. Ich kann doch einen Besuch dort am wärmsten empfehlen; dieses Denkmal der osmanischen Geschichte der Stadt ist sehr stimmungsvoll und idyllisch.  Wer die Comics des Hugo Pratt (besonders Corto Maltese) kennt, spürt hier etwas von der Schönheit, die der Meister in seinen Werken hervorgebracht hat.

Nach dem Besuch an der Türbe haben wir unsere Reise mit dem Bus und teilweise zu Fuß fortgesetzt. Das Burgviertel, das südlich von der Türbe in Buda liegt, könnte man eigentlich die Altstadt Budapests nennen – wenigstens sind die allerersten bisher gekannten Gebäude im Stadtgebiet dort gebaut worden. Heute stellt das Viertel aber meist barocken Stil dar.  Wir haben dort das Kriegshistorische Museum besucht – das war ganz umfassend, aber die Zusammenarbeit der Ungarn und der Deutschen im Zweiten Weltkrieg hätte ausführlicher vorgestellt sein können. Vielleicht ist es so, das man nicht eingestehen möchte, das die Ungarn die Nazis unterstützt haben. Warum dann nicht? Kriegsgeschichte ist meist irgendwie schmutzig, und das sollte kein Tabu sein.

Die Hauptkirche der Stadt, Matyas templom, liegt im südlichen Teil des Burgviertels. Sie erinnert doch mehr an ein Museum als eine Kirche, weil man dort eine Eintrittskarte kaufen muss, und weder Priester noch andere Angestellter zu sehen sind. Die Kirche ist doch sehenswert; der Saal ist reich mit bunten Ornamentmustern und Gemälden dekoriert, und vom außen sieht das ganze Gebäude wie ein steiler, holperiger Berg aus.

In der Nähe der Kirche findet man auch ein der alten Cafés der Stadt, Ruszwurm. Ich glaube, alle ihren Kuchen sind am wärmsten zu empfehlen, doch wir haben nur zwei verschiedene probieren können. Trotz dem großen Auswahl von Tee und Kaffee haben wir uns mit eisiger Limonade erfrischt, die sogar hausgemacht zu sein schien. Übrigens ist Limonade ein populäres Getränk in Budapest, und ein paar Gläser pro Tag macht niemandem Schade!

An jenem Abend haben wir in einem der feineren Restaurants der Stadt gespeist. Es handelt sich um Fausto’s étterem, das italienische Spezialitäten schon seit 1994 bietet. Das Restaurant sieht mit seinen weißen Wänden und grauen, weichen Stuhlen sehr hell und modern aus, was in Budapest eigenartig ist. Alles – sowohl Entenbrust mit Hauskäse und Aubergine, Kalb-Ravioli mit Spinat, als auch die Torte  mit Ananas – ist sehr gut gewesen; sieht man aber die höhen Preise an, hätte vielleicht noch etwas besseres erwartet werden können.  Die Bedienung dort ist doch sehr freundlich und geschickt gewesen.

Unser letzte Tag in Budapest ist schon ein bisschen reinig gewesen. Eine gute Weile schwendeten wir im Suchen nach neuen, wasserdichten Schuhen für Mutti. Erst, am Vormittag, war es aber die Zeit, Mitbringsel einzukaufen. Dafür eignete sich sehr gut die Große Markthalle, die sich in der Nähe der Szabadság híd (Freiheitsbrücke) auf der Pest-Seite befindet. Wir haben dort nette Kleider, Schmucke und örtliche Lebensmittel gefunden, und etwas für jedem unserer nahen Verwandten in Finland gekauft. Als Kuriosität könnte man die alte, sowjetische Armbanduhren nennen, die in der Halle zum Verkauf stehen – und nein, die sind doch nicht besonders günstig!

Vor unserer abendlichen Abfahrt haben wir auch etwas zu essen gebraucht, und das haben wir im Restaurant Gerlóczy Kávéház bekommen. Wir haben eine ziemlich lange Weile daran nachgedacht, welches Restaurant wir nun wählen sollten, und ich glaube, dass wir uns für das richtige entschieden haben. Der Name weist auf die Geschichte des Platzes als ein Kaffeehaus hin, und der sieht ja auch wie ein aus – aber es gibt einen großen und, unseren Erfahrungen nach, leckeren Auswahl von sowohl ungarischen als auch übrigen europäischen Gerichten. Das Geschick, Kaffee zu kochen, haben die Leute dort auch nicht verloren. Gehet dort, wenn ihr euch in Budapest befindet.

Ich habe die Stadt wiedermal sehr nett gefunden. Besonders nett war, dass die in der europäischen Presse hart kritisierte parlamentarische Entwicklung Ungarns keinen Einfluss auf die Stimmung der Stadt gehabt hat. Die Menschen dort sind freundlich, aber nicht auf die irgendwie übertriebene, “amerikanische” Art. Viel mehr freundlich, habe ich bemerkt, wie zum Beispiel in Polen. Die Preise sind niedrig, das Essen ist gut und die Landschaft schön; es gibt interessante Kunst, Architektur und Musik. Was mehr möchte man? Doch, die berühmten Bäder in Budapest bleiben mir noch unbekannt – aber nicht länger als bis nächster Reise!

In der Suche der vergangenen Ehre

Die entscheidende Ursache daran, dass ich ein deutschsprachiges Blog zu gründen beschloss, ist das Thema dieses Aufsatzes gewesen. Ich habe schon vorher ein schwedisches Blog gehalten, um meine Fähigkeiten in jener Sprache aufrechtzuerhalten bzw. verbessern, aber wenn man über Ehre schreiben will, habe ich gedacht, werden die Ausdrucksmöglichkeiten des Schwedischen nicht ausreichen. Dabei muss Deutsch gebraucht werden.

Warum schreibt man dann über Ehre? Eine Antwort könnte von dem finnischen Schriftstellern Timo Hännikäinen gekriegt werden, der auch mich selbst zu diesem Thema durch sein neues Buch gelockt hat. Unüberraschend heißt das Buch ”Kunnia”, ”Ehre”. Es handelt sich doch nicht nur um Ehre an sich, sondern um Männlichkeit als Phänomen und um Ehre als eines deren Elemente. Hier will ich mich jedoch gerade auf Ehre konzentrieren und dabei auch erörtern, wie ich selbst sie erlebt habe. Erst muss geklärt werden, was der Begriff eigentlich bedeutet, denn Ehre ist weder was materiales noch etwas, worüber es eine allgemeine Auffassung gäbe.

Für mich selbst ist es natürlich, die Wurzeln eines unbestimmten Begriffs zu untersuchen, um seine Bedeutung klarer zu machen. Das finnische Wort ”kunnia” ist vom Urgermanischen in vorgeschichtlicher Zeit ausgeliehen worden; die ursprüngliche Gestalt des Wortes ist linguistischen Forschungsergebnissen zufolge ”kunją” gewesen, mit der Bedeutung ”Familie”. Dies ist nicht so seltsam, wie es erst scheint. Nach dem Königen Friedrich der Große ist Ehre das einzige, was Männer dazu bringt, gegen auf sie gerichtete Kanonen zu marschieren. Ehre ist also etwas, für das ein Mann bereit ist, ums Leben zu kommen. Solche Sachen gibt es nicht viele, und die sind praktisch immer Gruppen von Menschen, mit denen Männer so stark gebunden sind, dass sie alles tun wollen, diese zu verteidigen. In der Zeit der urgermanischen Sprache ging es natürlich um Familie und Verwandtschaft, und es musste keinen begrifflichen Unterschied zwischen Familie und Ehre geben.

Später ist Ehre jedoch etwas mehr geistliches bzw. abstraktes geworden, aber immer noch ist sie von Gruppen abhängig geblieben. Stände, Soldatenabteilungen, religiöse Gemeinschaften und Kriminalgruppen haben ihre eigenen Codes der Ehre (gehabt), denen jeder Mitglied Folge leisten muss, um seine Tauglichkeit vor den anderen zu beweisen. Wenn man sich ehrlich aufführt, bekommt man Unterstützung von seiner Gruppe – wenn nicht, wird man stigmatisiert und letzten Endes verlassen. In manchen Gemeinschaften wird Unehrlichkeit auch aktiv bestraft. Die persönliche Ehre ist Würdigung, die erworben werden muss, und gerade dies macht das ganze Phänomen verdächtig in der heutigen westlichen Kultur, die Selbstwertgefühl und den gleichen Wert aller Menschen betont, so Hännikäinen.

Ehre als soziales Phänomen ist auch in humanistischen Forschungen betrachtet worden. Hännikäinen weist auf eine von amerikanischem Politologen James Bowman hin. In seinem Buch Honor – A History (2006) unterscheidet er zwei Stufen der Ehre. Von diesen wird die primitivere ”reflexive Ehre” genannt, die sich zu einer feineren Form als ”kulturelle Ehre” entwickeln kann. Die reflexive Ehre ist eine weltweite Erscheinung, die sich auf das primitive Bedürfnis gründet, sich bei Angriffen zu verteidigen. Und natürlich nicht nur sich selbst, sondern auch die Menschen, mit denen man sich zusammengebunden fühlt. Gewalt führt zur Gegengewalt, und so hat es auch sein müssen, in einer primitiven sozialen Umgebung, wo man keine Hilfe von irgendwelchen Polizisten und Behörden hat erwarten können. Ehrlich ist man, wenn er zeigt, dass niemand ihn und seine Gruppe verletzen kann, ohne bestraft zu werden – so funktioniert die reflexive Ehre. Die kulturelle Ehre bringt Ordnung zu den gewaltsamen Teufelkreisen, die meistens als Folge der reflexiven Ehre entstehen: sie bedeutet verabschiedene Regeln, denen eine Rache folgen muss, um anerkennbar zu sein. Kulturelle Ehre hat sich in europäischer Geschichte z.B. durch Duellregeln ergeben.

Hännikäinen schreibt auch, dass Ehre, trotz ihrer schwachen Stellung in der Öffentlichkeit, immer noch als faszinierend vorkommt. Wir schauen uns gern Western- und Kriegsfilme an, wir lesen historische und fantastische Romanen, wir genießen die Schauspiele des Shakespeare – in diesen allen werden Ehrauffassungen dargestellt, die in unserer Gesellschaft nicht mehr gültig sind. Wir erleben starke, sympathische Empfindungen, wenn uns in einer Geschichte ein Mensch vorgestellt wird, der sich an seinen Feinden für Ungerechtigkeit rächt, und am meisten gefällt es uns, wenn wir einen solchen Racheakt selbst durchführen dürfen. Darüber habe ich selbst auch etwas zu erzählen.

Wenn man Ehre in ihrer primitiven Gestalt im heutigen Finnland spüren und verwirklichen will, ohne seine Zukunft und seinen Ruf dadurch zu gefährden, muss man es in der Grundschule tun. Dort gibt es auch viele Möglichkeiten dazu. Als Hännikäinen es formuliert, ist die Grundschule als soziale Umgebung eine der primitivsten in unserer Gesellschaft, und das kann ich völlig unterschreiben. Es ist kein Wunder, dass meine persönliche Erlebnisse von reflexiver Ehre, als Verteidigung sowohl der Familienehre als auch der ”Ehre der Bande”, gerade in der Grundschulezeit stattgefunden haben.

Ich kann mich noch sehr gut an den Fall erinnern, als ich mich wiedermal mit einem meiner Klassenkameraden gestritten habe, einem, den ich in jener Zeit, das heißt in der dritten Klasse, für meinen größten Feind gehalten habe. Wir haben einander vor der ganzen Klasse geschimpft, bevor der Lehrer angekommen war, um die Lektion zu beginnen. Dann hat jener Junge etwas gesagt, dass mich dazu brachte, völlig außer mich zu geraten: ”Deine Mutter ist ein Ferkel und dein Vater eine Kuh!” Ich habe ihn unmittelbar in die Ansicht geschlagen, worauf wir einen hitzigen Kampf auf dem Fußboden begonnen haben, ohne mit dem Schlagen und Reißen aufzuhören, bis der erschrockene Lehrer gekommen ist und uns getrennt hat.

In jenem Fall ist es bemerkenswert, dass ich erst wütend genug wurde, um Gewalt zu benutzen, als meine Eltern verletzt worden waren. Ich habe es für schlimmer gehalten als alle die Verletzungen, die auf mich selbst gerichtet waren. Wenn dies psychologisch (doch ganz unqualifiziert!) analysiert werden müsste, könnte folgendes behauptet werden: als ich selbst verletzt wurde, fühlte ich ein Bedürfnis, nur mich selbst zu verteidigen. Als der andere Junge meine Eltern geschimpft hat, ist es mir so vorgekommen, als hätte sich meine persönliche Verantwortung plötzlich zu einer Gruppenverantwortung erweitert. Es hat hartere Mittel erfordert, die Ehre der Familie zu verteidigen.

Das alles ist wohl ganz begreiflich. Ein Kind lernt durch Erfahrung, dass seine Eltern es schützen, wenn es bedroht oder angegriffen wird. Natürlich entsteht in seinem Verstand eine Vorstellung, dass alle in der Familie einander verteidigen sollen, und das es selbst auch für seine Eltern verantwortlich ist. In der heutigen Gesellschaft scheint diese Vorstellung aber falsch zu sein. Obwohl man in der Schule die Eltern der anderen Kinder nicht schimpfen darf, sind die verabschiedene Bestrafungsmöglichkeiten immerhin an den Lehrern delegiert worden. Meine Eltern hatten niemals mir gelehrt, dass ich ihre Ehre verteidigen sollte, und sie haben auch nicht damit zufrieden gewesen, dass ich so getan hatte. Die Ehre der Familie ist aber, so glaube ich, nicht was durch Erziehung entstehendes, sondern der natürliche ”zweite Schritt”, der dem Beschützerinstinkt der Eltern folgt, einen ähnlichen Instinkt in den Kindern weckt und, wenn notwendig, gerade durch Erziehung gemildert werden muss.

Die Ehre der Bande ist etwas anderes. Sie entwickelt sich, wenn zusammengebundene Männer untereinander konkurrieren und an gemeinsamen Bemühungen teilnehmen. Eine Fußball- oder Eishockeymannschaft ist ein gutes Beispiel: da muss jeder seinen Platz finden, die anderen stützen, und auch sich selbst im Verhältnis zu den anderen weiterentwickeln. Bemüht man sich nicht darum, diesen Idealen zu folgen, sieht er als unehrlich aus. Ernstere Zusammenhänge, wo es um Bandenehre geht, sind natürlich Kriminalgruppen, in denen es sich fürchterlich rächen kann, von den gemeinsamen Normen abzuweichen. Wenn es viele Jungen in gemeinsamer Klasse gibt, kann eine Art Ehrgefühl auch unter ihnen entstehen.

In dem Vorfrühling der vierten Klasse haben die Mädchen einmal uns Jungen zu einer Schneeballschlacht herausgefordert. Sie hat nach der Schule in einem nahen Park stattfinden sollen. Als wir dort angekommen waren, haben wir einige Jungen der fünften Klasse unserer Schule begegnet, die Schneebälle auf uns zu schmettern begannen. Wir sind nirgendwohin davon gegangen, sondern haben das Feuer erwidert. In einem Augenblick ist ein Krieg ausgebrochen, in dem wir für die Ehre unserer Klasse kämpften. Das Motiv weiß ich immer noch, weil ich kurz danach in einem E-Mail geschrieben habe: ”Es ist nahe daran gewesen, dass wir verloren hätten, und dass die Klasse in Verruf gebracht worden wäre.”

Was uns dann letzten Endes zum Sieg geführt hat, ist der Vater eines Kameraden gewesen, der einen bittenden Anruf von seinem Sohn erhalten hatte. Trotz seiner winzigen Länge ist dieser Vater sehr stark und breitschulterig, und als er mit einem heftigen Sprung über den Zaun ins Park gekommen war, gekleidet in einem bedrohenden schwarzen Mantel, haben unsere Feinde sofort verstanden, dass sie abhauen sollten. Es ist ihnen aber nicht gelungen, seine Wut zu entkommen, und wir haben eine wirklich tolle Show zu sehen bekommen. Und selbstverständlich hat die Klasse ihren Ruf nicht verloren. Wenn ich mich später an diesen Fall erinnert habe, ist es mir ganz klar geworden, wie sich alle die epischen Geschichten von heldischem Kampf und göttlichem Eingreifen haben entwickeln können.

Außer Erhalten der Ehre hat an jenem Tag auch ein Beispiel von feiger Betrügerei und Unehrlichkeit gegeben. Bevor der ”Jahwe” unseres ”Israel” angekommen war, um uns zu retten, habe ich selbst einen Anruf getätigt, um Hilfe von einem jüngeren Freund zu bitten. Er hat sich bald im Park eingefunden, begleitet von einem seiner Klassenkameraden. Beide haben eine Weile für uns gekämpft, aber dann hat die Überlegenheit des Feindes sie dazu gelockt, sich zur anderen Seite zu verschieben. Das vergaß ich nicht; seit vielen Jahren ist der Name jenes ”Freundes” im Verzeichnis meiner Handy ”Verräter” gewesen. Aber das Ende des Krieges hat wohl gezeigt, dass Betrügerei sich nicht lohnt, und das ist mir auch als wichtig vorgekommen.

An jenem Tag haben wir eigentlich ein dicht zusammengefasstes Heldenepos erlebt. Es gab einen ungerechten Angriff von den Starken gegen die Schwachen; die Schwachen haben sich heldisch verteidigt; sie sind von ihren Helfern verraten worden; und zum Schluss hat eine höhere Macht den Kampf ihnen zugute abgeschlossen. Seitdem habe ich keine solche Ereignisse gehabt, und habe manchmal mich gefragt: gut so, oder…?

Ja, man muss sich fragen, ob es wirklich was gutes in Ehre gibt. Ist sie nicht bloß eine von Gewalt stark geprägte Erscheinung, deren Verschwinden nur für einen Fortschritt der Zivilisation gehalten werden kann? Immerhin scheint sie auch ein sehr beeindruckendes Phänomen zu sein, an dem Menschen Freude finden. So schreibt auch Timo Hännikäinen, mit Hinweis auf das Vergnügen, das wir von künstlichen Darstellungen der Ehre bekommen, und auf die Wut, die in uns aufsteigt, wenn unser Ruf in Frage gestellt wird. ”Ehre”, stellt er fest, ”bringt nämlich Bedeutung in das Leben … Wenn niemand oder nichts uns dazu verpflichtet, unsere Tauglichkeit zu demonstrieren, fangen wir schon an zu glauben, dass wir untauglich sind. Oder dann beginnen wir, uns vorzustellen, dass wir tauglicher sind als wahr ist, wir hüllen uns in narsistischen Täuschungen, die von der Wahrheit unzerstreut bleiben dürfen.”

Wenn ich an mich selbst denke, kann ich doch konstatieren, dass ich mich eine Art von inneren Ehrgefühl angeeignet habe. Obwohl ich keine sogenannte Ehrengruppen mehr habe, strebe ich in meinen Aufgaben nach Ergebnissen, auf die ich stolz sein kann, das heißt, ich muss meine Tauglichkeit für mich selbst beweisen. Und als ein Mitglied einer Ehrengruppe, besonders der Familie, habe ich eigentlich vielmals die gemeinsamen Normen brechen wollen, und mich gar nicht als ”tauglich” vorzustellen. Wenn ich daran nun ausführlich nachdenke, ist dieses oft in solchen Situationen geschehen, wo ich versucht habe, den angenommenen Erwartungen meiner Freunden zu folgen– kurz gesagt, die Tauglichkeit vor Freunden ist wichtiger gewesen als die Tauglichkeit vor den Eltern. Für mich bedeutet Ehre mehr eine Art von Zugehörigkeit; etwas, das mich schützt, und das ich darum auch schützen will. Die vorgeschichtliche Bedeutung also.

Zugehörigkeit als Gefühl ist ähnlich echter Liebe: unglaublich schwer, durch absichtliche Bemühungen zu erreichen. Man muss mit und in einer Gruppe wachsen, am liebsten ab seiner Kindheit bis zur Erwachsenheit, und dazu, um das Zugehörigkeitsgefühl zu behalten, muss man jene Gruppe auch nicht verlassen. Im Abendland hat es in den letzten Jahrzehnten immer weniger Menschen gegeben, die ihre Leben in solcher Weise haben führen können. Das Dorf ist durch die Stadt ersetzt worden; die Großfamilie durch Alleinerziehenden und Sozialbehörden. Die grundlegende Zugehörigkeit, die vorher von solchen traditionellen Gemeinschaften hervorgerufen wurde, kann heute nirgends richtig entstehen. Wenn etwas ihr ähnliches aber in der neunjährigen finnischen Grundschulezeit vorkommen kann, wird das schon bald durch die danach folgenden verschiedenen Ausbildungswahlen abgeschwächt. Meine ”Ehrengruppen” – Familie und Klasse – sind als solche schon lang vergangen, zwei Gruppen, denen ich unbestreitbar zugehört habe, die aber bisher von nichts ersetzt worden sind. Die Ehre ist vergangen, vergessen aber nicht, und es wird gesehen, ob sie vielleicht einmal in einer unvoraussagbaren Form zurückkehrt.

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In den Alpen.

Hallo! Herzlich willkommen zum Blog Irmintheod! Es scheint geradezu unumgänglich für mich, ein eigenes Blog für jede einzelne Sprache zu gründen, die ich lerne. Im vergangenen Herbst ging es um Schwedisch; ich habe bemerkt, dass es mir wesentlich damit geholfen hat, ab und zu einen Aufsatz über ein selbstgewähltes, interessantes Thema zu schreiben. Weil meine Fähigkeiten im Deutschen auf einer noch niedrigeren Stufe liegen, halte ich es sowohl für notwendiger als auch herausfordernder, diese Aufgabe mir selbst zuzuweisen.

Einige Fakten über mich: ich bin Olavi Seppänen, ein 22-jähriger Theologiestudent aus Helsinki, Finnland. Ich studiere in der Universität von Helsinki seit Herbst 2013. In meiner Freizeit versuche ich, täglich Klavier zu spielen, mindestens einmal pro Woche Sport zu machen und meine Kenntnisse in Religionsgeschichte und Sprachen zu vertiefen.  Mein besonderes wissenschaftliches Interesse richtet sich auf die vorgeschichtlichen Wechselwirkungen zwischen indo-iranischen und uralischen Sprachgruppen, und ihren Einfluss auf die Mythologie beider Seiten.

Der Name dieses Blogs kommt von dem althochdeutschen Gedicht Hildebrandslied, das die folgenden Verse enthält:

‘eddo hwelihhes cnuosles du sis.

ibu du mi enan sages,         ik mi de odre uuet,

chind, in chunincriche:         chud ist mir al irmindeot’.

Irmintheod ist eigentlich die ältere, langobardische Gestalt des “irmindeot”, und es bedeutet ungefähr “die Menschheit”. Hier sind die Verse auf Neuhochdeutsch:

…oder aus welchem Volke du bist

wenn Du mir einen nennst, kenne ich die anderen

Menschen im Reich, bekannt ist mir die ganze Menschheit.

So wird der Titel Irmintheod mich immer wieder an das edle Ziel erinnern, die Menschheit mir bekannt zu machen. In meinem ersten richtigen Artikel konzentriere ich mich sofort auf eine Erscheinung, die die ganze Menschheit berührt. Es wird noch eine Weile dauern, bis ich damit fertig bin – wenigstens bin ich jetzt mehr motiviert, weil ich versprochen habe, ihn zu veröffentlichen. Bis dann!

 

Quellen der Gedichtverse:

http://www.linguistics.ruhr-uni-bochum.de/~strunk/Deutsch/hildebra.htm

http://de.wikisource.org/wiki/Hildebrandslied